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«Die religiöse Sprache ist weit von der Erfahrungswelt der Kinder entfernt»

Lukas und Sandra Fries-Schmid mit ihren Zwillingen Salome und Mirjam. Das Bild entstand im Zusammenhang mit dem Bauprojekt «lückenfüllen» des «Sunnehügel» am letzten Tag der Räumung des alten Anbaus des Klosters. | © 2017 pd

Der Theologe Lukas Fries-Schmid lebt mit seiner Frau Sandra Schmid Fries und den Zwillingen Salome und Mirjam (4) in der franziskanisch geprägten Gemeinschaft «Sunnehügel» in Schüpfheim. Er erzählt, inwiefern Glaube im Familienleben Thema ist und wie man als Familie in einer religiösen Gemeinschaft lebt.

Wie leben Sie Ihren Glauben innerhalb der Familie?
Lukas Fries-Schmid: Ich trenne Alltag und Glauben nicht, sondern lebe bestimmte Werte: Geschwisterlichkeit im Umgang mit den Gästen und den anderen Mitgliedern der Kerngemeinschaft, einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung. Solche Werte sind Ausdruck meines Glaubens. Die Kinder erleben das mit, wie in jeder anderen Familie, die vielleicht nicht explizit religiös ist.

Ist Glauben dennoch auch explizit Thema?
Ja, wir versuchen, den Glauben auch zur Sprache zu bringen. Wir haben innerhalb der Familie ein Abendritual: Wenn die Kinder im Bett sind, nennt jedes Familienmitglied ein paar Dinge, für die es an diesem Tag danke sagen möchte. Das Ritual ist sozusagen die ignatianische Übung der «liebenden Aufmerksamkeit» im Tagesrückblick, übersetzt in Kindersprache.

Wofür sagen die Kinder danke?
Sie danken dafür, dass sie zum Grossmami spielen gehen durften, dass es Schokolade zum Dessert gegeben hat. Manchmal nennen sie etwas, auf das sie sich freuen. Es ist spannend zu hören, wie sie hier Dinge zur Sprache bringen, die ihnen wichtig sind.
Die Gotte hat erzählt, Jesus sei wiederaufgetaucht.

Wie vermitteln Sie den Kindern Glaubenswissen?
Das muss natürlich altersgerecht sein. Ich finde es nicht leicht, Bilder zu finden, die kindergerecht sind und theologisch stimmen. Ich scheue mich nicht, von Gott zu sprechen. Ich kann aber auch die göttliche Gegenwart in allem zur Sprache bringen, wenn die Kinder einen Käfer bestaunen. Wir erzählen ihnen auch biblische Geschichten oder solche, in denen christliche Werte Thema sind. Kinder müssen ihre Spielsachen teilen, Konflikte lösen, ihre Bedürfnisse abgleichen. Es gibt viele Bilderbücher, die von solchen Themen handeln.

Verstehen die Kinder die biblischen Geschichten?
Bei explizitem Glaubenswissen fällt mir immer wieder auf, wie weit die religiöse Sprache von der Erfahrungswelt der Kinder entfernt ist. Jemand hat unseren Kindern die Ostergeschichte erzählt, Jesus sei auferstanden. Am Tag danach hat meine Tochter zu mir gesagt: «Die Gotte hat erzählt, Jesus sei wiederaufgetaucht.» Das Wort «auferstehen» sagt ihnen nichts, aber sie haben im Grunde verstanden, worum es geht. Sie finden oft ihre eigene Sprache.

Sie leben als Familie in einer modernen klösterlichen Gemeinschaft. Wie geht Familienleben mit einem klösterlichen Rhythmus zusammen?
Der Rhythmus der Gemeinschaft ist ein anderer als jener der Kinder, das ist manchmal wirklich ein Spagat. Aber zwischen neun und vier Uhr ist ein gemeinsamer Rhythmus möglich. Die Kinder essen in der Regel mittags mit der Gemeinschaft, und je nach Situation sind sie auch darüber hinaus dabei. Je älter sie werden, desto eher ist es möglich, dass wir am Morgen in der Gemeinschaft mitarbeiten und die Kinder auch in der Küche oder im Garten sind. Wir sind dann vielleicht etwas weniger effizient, weil wir auch die Kinder im Auge haben müssen.

Nehmen die Kinder an den Gebetszeiten der Gemeinschaft teil?
Das Gemeinschaftsgebet ist nicht auf die Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten. Sie brauchen andere Ausdrucksformen, als eine halbe Stunde stillzusitzen. Daher sind die Kinder in der Regel nicht dabei. Jeweils am Samstagabend singt die Gemeinschaft gemeinsam, da nehmen wir die Kinder ab und zu mit. Am Ostersonntag gab es bei uns morgens um halb sechs eine Auferstehungsfeier, wo die Kinder dabei waren. Sie haben anschliessend ganz viel vom Feuer, von den Kerzen, von den vielen Liedern erzählt. Das hat sie offensichtlich beeindruckt.

Schlägt sich das klösterliche Leben im Alltag der Kinder nieder?
Kürzlich gab es eine witzige Situation: Wir sind soeben in einen neuen Anbau des Klostergebäudes eingezogen. Beim Umzug sind Kopfhörer aufgetaucht, die als Gehörschutz dienen. Salome setzte sich diese auf und sang voller Inbrunst sehr laut in den Gang mit den Arbeitern hinein: «Halleluja! Halleluja!» An solchen Situationen merkt man, dass sie Klosterkinder sind.

Hat Ihr Vater-Sein Ihren Glauben verändert?
Mein Gottesbild hat sich verändert. Wir mussten von der ersten Minute der Schwangerschaft an um die Leben der Zwillinge bangen. Dadurch wurde mir auf einen Schlag bewusst, dass ich als Vater ganz und gar in der Verantwortung bin, jedoch keinerlei Macht darüber habe, was ist und was sein wird. Die Letzte Macht ist bei jemandem anders. Mit dieser Spannung muss ich lernen umzugehen: Ich bin gefordert, als ob alles von mir abhinge, gleichzeitig kann ich gar nichts machen. Genau darum geht es im ganzen Leben.

Sylvia Stam / kath.ch

 Im Sunnehügel – Haus der Gastfreundschaft in Schüpfheim lebt eine kleine Kerngemeinschaft vor Ort, während weitere Gäste für eine begrenzte Zeit mitleben können. Die Gäste befinden sich oft in einer psychischen, geistlichen oder sozialen Krise. 1993 stellten die Kapuziner ihr Klostergebäude dem Projekt Sunnehügel zur Verfügung. Nach der Pionierzeit und der Konsolidierungsphase lebt heute die dritte Generation der Kerngemeinschaft im Haus. Sie besteht derzeit aus fünf Personen, die verheiratet, alleinstehend oder Ordensmitglied sind. Die Gemeinschaft pflegt einen klösterlichen Lebensrhythmus mit zwei Gebetszeiten täglich. 

 

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