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Die Kinder, die Kirche und ich

Kinder und Kirche: An einem Bauwochenende im November 2018 wurde diese Legostadt errichtet. | © 2018 Pfarrei Nebikon

Religiöse Angebote für die lieben Kleinen: Wer sich Christ nennt, hat damit selten ein Problem. Was aber, wenn die voll darauf abfahren – und die eigenen Zweifel wachsen?

© CHRIST & WELT, die Extraseiten der ZEIT, erschienen am 1. Dezember 2018, 20:30 Uhr

Die Saat ging Pfingsten 2017 auf, bei einem ökumenischen Open-Air-Gottesdienst im Südwesten Berlins. Die Band trug ein harmonisch und textlich besonders schräges Stück Kirchentagspop vor: «Komm, Heil’ger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leeebeeen schafft …» Das erste Kind, damals noch keine drei Jahre alt, sang den ganzen Heimweg und behielt das Lied bis heute. Nach einer Auffrischung dieses Jahr zu Pfingsten brabbelte dann auch das zweite Kind mit: «Tomm, heiler Geiss…» Inzwischen habe ich längst genug von diesem Ohrwurm. Und Pfingsten fand ich seit je ein überaus merkwürdiges Fest. Aber schon klar, ich bin selbst schuld.

Wir sind ein zugleich linksliberales und traditionsprotestantisches Elternhaus – und unsere Kinder wachsen mit einem bunten und nicht immer widerspruchsfreien Strauss kultureller Angebote auf. Sie wissen, dass man zum BVB hält und wo die schwäbische Eisenbahn Station macht, sie verkosten die Freundschaftshymnen von Feine Sahne Fischfilet und polizeifreundliche Bilderbücher, sie haben schon modernen Tanz gesehen und das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Nichts aber, abgesehen vielleicht vom Kölner Karneval, begeistert sie derart nachhaltig wie alles, was mit Kirche, Glauben und Bibelgeschichten zu tun hat. Wie kann das sein?

Als Kind und Jugendlicher hatte ich nie den kürzesten Draht zu Gott. Mein Großvater war Presbyter, Kirchenvorstand heißt das in einigen Gegenden, mein Vater Religionslehrer, meine Schwester studierte auf Pfarramt. Ich war der Hedonist an der Basis – kirchliche Freizeiten, Rumhängen in Jugendtreffs, Bandproben im Gemeindekeller. Ich schätzte die Räumlichkeiten und Fahrten der Evangelischen Jugend Dortmund als Schutzzonen, in denen jene Leute Akzeptanz und Respekt fanden, die für andere soziale Kontexte wahlweise zu schlau, zu dick, zu queer, zu links oder zu schwarz waren. Die Liebe Gottes galt in der Kirche meiner Kindheit ausnahmslos allen und am meisten denen, die sie am meisten gebrauchen konnten. Eine frohe Botschaft, fand ich.

Als wir eigene Kinder bekamen, war das ein guter Anlass, in die Welt der evangelischen Gemeindehäuser zurückzukehren. Vorher war ich ihr über ein Jahrzehnt eher lose verbunden gewesen – ein Weihnachtsoratorium hier, ein Altjahresgottesdienst da, Kirchenaustritt kein Thema, die tieferen Mysterien des Glaubens aber auch nicht. Wie andere Leute Mitglied eines Vereins sind, hatte ich eine unhinterfragbare soziale Heimat, deren Codes und Personal ich kannte. Überall gab es die eifrige und etwas versponnene Kirchenmusikerin, überall die hanseatische ältere Dame, die überall mit dem Geschwader Kittelschürzenomas über Kreuz lag. Und überall gab es bei Gemeindefesten Büfetts mit drögem Rührkuchen, für den meine rheinisch-katholische Mutter nur einen verachtungsvollen Blick übrig gehabt hätte.

Meine väterliche Rückkehr ins geregelte Gemeindeleben war somit auch eine semi-ironische Reise zu mir selbst. Und ich kam schnell ans Ziel, als ich wieder evangelischen Boden betrat. Die hässlichen Furniertische im hübschen Pfarrsaal, die herzliche Pfarrerin in der halb leeren Kirche, der sympathische Mangel an Perfektion: Mit den Kindern hatte ich plötzlich einen Anlass, wieder mehr Zeit in einem altvertrauten Milieu zu verbringen. Ich war selig. Bis meine Kinder es auch waren.

Dabei ging es nie nur um das eine blöde Lied. Grundsätzlich entwickelte das ältere Kind während seines dritten Lebensjahrs eine klare Vorliebe für alles, was mit Kirche zu tun hatte. Vorher hatte es sich in kleinkindtypischer Indifferenz überall mit hinnehmen lassen, zum Turnen, ins Familienzentrum, in den Park. Jetzt aber begann es nach der Kita zu fragen: «Kirsse? Ja? Ja?» Einmal in der Kinderkirche angekommen, zeigte es fantastisches Benehmen und gigantische Konzentrationsspannen. Zu Hause wurden die erdfarbenen Bibel-Bildergeschichten von Kees de Kort vor- und rückwärts geblättert. Mich nervte vor allem das Gleichnis der Arbeiter im Weinberg, in dem die Weinleser alle den gleichen Lohn bekommen, obwohl einige viel mehr gearbeitet haben als andere. «Die hätten den Weinbergbesitzer lieber mal enteignen sollen», murmelte ich jedes Mal beim Buchzuschlagen – und freute mich über die ratlosen Gesichter.

Ich bin kein Vorbild im Glauben und bin es umso weniger, je mehr die Kinder sich bekennen beziehungsweise: interessieren. Und vielleicht ist das schon Teil des Mysteriums. Bibel, Jesus, Kinderkirche, das ist ihr Ding, ihr Schutzraum, in den sie sich nach trubeligen Tagen an einer Integrationskita im Neuköllner Süden gern zurückziehen. Ein bisschen Ausgleichs-Bullerbü, nur halt mit Daniel in der Löwengrube statt Schlafen im Heu.

Wobei, sonderlich Bullerbü sind diese Geschichten natürlich nicht, in denen immer wieder Menschen ernsthaft in Gefahr geraten (Daniel, David, Jesus) oder auch konkretes Leid erfahren (Josef, Lot, abermals Jesus). Dass Kinder, die den kleinen Eisbären Lars nicht ertragen, weil die Frage nach dem Verbleib seiner Eltern nie geklärt wird, die Geschichte von Moses im Schilf lieben, ergibt keinen Sinn, sollte es hier nur um Rückzug und Behaglichkeit gehen.

Dahinter muss also mehr stecken – und ich glaube im Laufe der Zeit herausgefunden zu haben, was das in etwa ist. Hier kommt meine kühne These: In Zeiten, in denen kindliche Lebenswelten und Kulturangebote für Kinder weitgehend optimal auf die kognitiven und seelischen Fähigkeiten der jeweils adressierten Alterskohorte abgestimmt sind, repräsentieren Kirche und Bibel Wirklichkeiten, die das Archaische bei aller freundlichen Zugewandtheit doch nicht ganz loswerden. Die Geschichten sind verschroben, der Ritus ist selbst im Kindergottesdienst eher starr, und auch das Gebäude Kirche ist eigentlich überhaupt nicht kindgerecht – mit seinen seltsamen Bildern, dunklen Ecken, geheimen Ein- und Ausgängen. Und dadurch natürlich umso mehr.

Es bleibt eine Gegenwelt, die nicht nur grausamer, sondern auch grösser, feierlicher und älter ist als alles, was sich die Kinder sonst vorstellen können. Dementsprechend ist es auch kein Wunder, dass für Moses andere Regeln gelten als für den Eisbären Lars. Moses lebt in einer Sphäre, der man grandiose Wendungen, Brüche, gar Wunder zutraut, Lars – obschon hoch im Norden – nur in unserer eigenen, wie wir sie den Kindern gemeinhin darstellen: beruhigt und mittelmässig.

Dies alles wäre nun vollends unproblematisch, wenn die Glaubenswelt der Kinder einigermassen stabil wäre. Doch sie ist es nicht. Die leicht verstaubte und sehr verweltlichte Amtskirche, die ich kenne und liebe, pfeift auf dem vorletzten Loch – und mit dem frömmelnden Charisma, das die meisten Freikirchen durchweht, kann man mich einmal zum Nordpol und zurück jagen. Ist es, frage ich mich, vor diesem Hintergrund nicht unverantwortlich oder zumindest komplett gegen unser aller Interesse, meine Kinder in meiner Kirche und der Bibel zu beheimaten? Und in einem Glauben, von dem ich gar nicht will, dass sie ihn wortgetreu Buchstabe für Buchstabe nachbeten oder sogar anderen damit missionarisch auf die Nerven gehen?

Über meinen Glauben sage ich heute, wenn er bei Berliner Partys mal wieder kurioses Gesprächsthema im Sinne einer seltenen kulinarischen Vorliebe ist, dass er einfach da ist – und dass es schon einer krassen Selbstaufgabe und Selbstzerlegung bedürfte, um ihn aus mir herauszukriegen. Und dass ich überhaupt keine Veranlassung sehe, diesen Weg zu gehen, denn der Glaube hindert mich an nichts, weder daran, wissenschaftliche Befunde anzuerkennen, noch daran, im Alltag ein anständiger und rücksichtsvoller Mensch zu sein, Letzteres sogar im Gegenteil. Ob er nun eine rein kulturelle Schimäre ist oder es doch eine im weitesten Sinn mystische Substanz gibt, ob die Gottesnähe, die ich nur in Kirchen fühle, eine kindliche Selbsttäuschung ist oder doch mit irgendwas zu tun hat, das ausserhalb meiner selbst liegt: Ehrlich, wen interessiert das?

Aber je bereitwilliger sie es zulassen, desto grösser sind meine Zweifel, die Kinder da mit reinzuziehen. Denn dass sie in 20 Jahren in ähnlicher Weise zurückkehren können, wie ich es getan habe, scheint mir mehr als fraglich. Was aber haben sie sonst von dieser Prägung ausser einer unstillbaren Sehnsucht, die sich zwischen glaubensstarken Atheisten und frömmelnden Freikirchlern behaupten muss? Muss ich sie nicht vor sich selber schützen? Oder zeigt mir just ihr Streben hin zur kirchlichen Gemeinschaft, dass sie dem Schutz vor schlimmen Geschichten und bösem Erwachen, der die Kinder dieser Generation sonst umgibt, entfliehen wollen?

Vielleicht sollte ich mir ein Beispiel an ihnen nehmen. «Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen», sagt Jesus im Markusevangelium. Wobei: Ich täte ihnen Unrecht, unterschlüge ich hier die Zweifel meiner Kinder. Da heißt es dann: «Wieso muss denn Gott auf uns aufpassen? Die Eltern passen doch auf die Kinder auf und die Erwachsenen können selber auf sich aufpassen. Wozu brauchen wir denn dann Gott? Wann stirbt Gott?» Oder auch: «Gott hat die Milchzähne nicht gemacht, oder? Die sind doch von allein gewachsen!» Und als ich auf die Frage, wo denn der Papa einer Freundin hin sei, wahrheitsgemäss antwortete, der sei schon lange tot, kam neulich ein indigniertes: «Aber Gott sagt, die Menschen sollen leben!»

Auf diese Fragen und Anmerkungen nicht mit mir selbst unverständlichen Verweisen auf Gottes Allmacht und Rätselhaftigkeit zu antworten, das ist das Mindeste, was ich tun kann. In der Vorweihnachtszeit fällt das generell leichter. Die Geschichte mit dem Kind in der Krippe ist schliesslich auf so vielen Ebenen grandios, dass es für mich keinen Zweifel daran gibt, sie immer wieder erzählen zu wollen.

Johannes Schneider

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